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Preisjassen in Vorarlberg: Wenn nicht die höchste Punktzahl gewinnt

Preisjassen in Vorarlberg Wenn nicht die höchste Punktzahl gewinnt
16.09.2026Armin Muff

Jassturniere gibt es nicht nur in der Schweiz. Auch jenseits der Landesgrenze wird organisiert, gespielt und um Preise gejasst. Besonders spannend ist dabei der Blick ins benachbarte Vorarlberg (Österreich), wo das Jassen ebenfalls in der regionalen Kultur verankert ist – und Preisjassen nach eigenen Regeln ausgetragen werden.

Ein Beispiel dafür ist das Preisjassen der Vorarlberger Nachrichten (VN) auf der Dornbirner Herbstmesse. Rund 300 Jasserinnen und Jasser nehmen daran teil. Was auf den ersten Blick vertraut wirkt, unterscheidet sich in einigen entscheidenden Punkten vom Schweizer Turnierjassen.

Zwei Durchgänge, zwölf Spiele, keine Teams

Das Vorarlberger Preisjassen unterscheidet sich in einem zentralen Punkt von vielen bekannten Schweizer Turnierformen: Es wird nicht im Team gespielt. Jeder spielt für sich.

Vor dem Start und vor jedem neuen Durchgang werden die Plätze ausgelost. Üblicherweise stehen zwei Durchgänge mit je zwölf Spielen auf dem Programm. Vier Personen sitzen an einem Tisch, wobei Bodentrumpf gespielt wird. Es entspricht damit eher einer in der Schweiz als „Handjass“ bezeichneten Jassart als dem Schieber, der sonst üblicherweise an Schweizer Preisjassen gespielt wird.

Wie auch bei einem Preisjassen in der Schweiz werden Stöck und Wys nicht angesagt. Auch die 100 Bonuspunkte für einen Matsch werden nicht berücksichtigt. Die erzielten Punkte werden nach jedem Durchgang erfasst und am Ende zusammengezählt.

Dabei muss die Rechnung aufgehen: Ein Spiel bringt insgesamt 157 Punkte, bei vier Spielenden also auch am Ende jedes einzelnen Spiels. Bei zwölf Spielen ergibt das pro Durchgang 1884 Punkte, die sich auf die vier Personen verteilen.

Wer am nächsten liegt, gewinnt

Normalerweise wäre bei einem Jass klar: Wer am meisten Punkte erzielt, steht am Ende zuoberst. Beim Vorarlberger Preisjassen gilt das nicht.

Erst nach dem letzten Durchgang wird eine von drei geheim gehaltenen Stichzahlen gezogen. Entscheidend ist, wer mit seiner Gesamtpunktzahl am nächsten an dieser Zahl liegt. Die grösste Differenz bedeutet den letzten Rang.

Die Stichzahlen sind dabei nicht völlig zufällig gewählt. Laut Organisator sind sie so angelegt, dass gute Spielerinnen und Spieler tendenziell einen Vorteil haben, gleichzeitig aber nicht ausschliesslich die stärksten Jasser gewinnen. Das Ergebnis bleibt damit bis zum Schluss offen.

Die «Säcke» gehören dazu

Eine weitere Besonderheit sind die sogenannten Säcke. Wer in einem Spiel weniger als 21 Punkte erzielt, erhält dafür einen Sack (bei uns auch als „Härdöpfel“ bezeichnet): Das Spiel wird auf dem Resultatblatt eingekreist und muss mit einem vorgegebenen Betrag, beispielsweise 50 Cent (Rappen), bezahlt werden. Das Geld fliesst je nach Veranstaltung einem karitativen Zweck oder der Vereinskasse zu.

Damit bekommt ein schwaches Spiel nicht nur einen Eintrag in der Rangliste, sondern auch einen kleinen finanziellen Preis.

Bekannte Spielweisen, andere Namen

Das Jassen in Vorarlberg ist dem Schweizer Spiel in vielen Punkten erstaunlich ähnlich. Gleichzeitig hat sich eine eigene Begriffswelt erhalten.

Gespielt wird im Uhrzeigersinn. Kreuzweise sind bei einem normalen Schieber nicht erlaubt. Beim Wys werden Drei-, Vier- und Fünfblatt wie in der Schweiz gewertet. Ein Sechsblatt zählt aber 120 Punkte, ein Siebenblatt 140, ein Achtblatt 160 und ein Neunblatt 180 Punkte.

Auch die Bezeichnungen unterscheiden sich teilweise: Obenabe wird Bockspiel genannt, Undenufe Geissspiel. Beim Geissspiel zählen die Asse weiterhin elf Punkte, während die Sechser null Punkte wert sind.

Das Salzburger Blatt ist geblieben

Besonders sichtbar wird die regionale Eigenständigkeit bei den Karten.

In Vorarlberg wird bis heute das Salzburger Blatt verwendet. Es entstand um 1850 in Salzburg und wird heute im Wesentlichen noch in Vorarlberg und Südtirol gespielt.

Es handelt sich um einfachdeutsche, einköpfige Karten. Während sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei vielen anderen Kartenbildern Doppelbilder durchsetzten, blieb das Salzburger Blatt weitgehend unverändert.

Auch die Farben unterscheiden sich deutlich vom Deutschschweizer Blatt: In Vorarlberg heissen sie Eichel, Herz, Schellen und Laub. Das Deutschschweizer Blatt kennt dagegen Rosen, Schellen, Eicheln und Schilten.

Das Salzburger Blatt, wie es in Vorarlberg bis heute verwendet wird und beim VN-Preissjasen zum Einsatz kommt. Bild: Günter Wohlgenannt / Spielkartenhersteller Piatnik.
Das Salzburger Blatt, wie es in Vorarlberg bis heute verwendet wird und beim VN-Preissjasen zum Einsatz kommt. Bild: Günter Wohlgenannt / Spielkartenhersteller Piatnik.

Eine Tradition mit neuem Anlauf

Das VN-Preisjassen selbst ist keine neue Erfindung. Bereits vor der Jahrtausendwende veranstalteten die Vorarlberger Nachrichten grosse Preisjassen. Zeitweise winkte sogar ein Auto als Hauptpreis.

Mit dem Beginn der 2000er-Jahre ging das Interesse zurück, die Veranstaltungen wurden eingestellt. Erst im vergangenen Jahr wurde die Tradition wieder aufgenommen – mit rund 300 Teilnehmenden.

Damit knüpft das VN-Preisjassen an eine Veranstaltungskultur an, die in Vorarlberg weiterlebt. Neben dem Wettbewerb stehen zahlreiche andere Preisjassen auf dem Programm, unter anderem das Preisjassen der Freiwilligen Feuerwehr Gaissau, das DSV-Preisjassen des Dornbirner Sportvereins oder das Preisjassen der Gemeinde Lauterach.

Jassen als Teil der regionalen Identität

«Jassen ist in Vorarlberg bis heute weit mehr als nur ein Kartenspiel.»

Das sagt Günter Wohlgenannt, Organisator des VN-Preisjassens. Gejasst wird in Familien, Gasthäusern, Vereinen und Freundeskreisen. Für viele gehört das Spiel damit ein Stück weit zur regionalen Identität.

Das Preisjassen bringt diese Tradition auf einen Tisch – mit ausgelosten Plätzen, Bodentrumpf, «Säcken» und einer geheimen Stichzahl, die erst ganz am Ende entscheidet. Und genau darin liegt vielleicht der grösste Unterschied zum klassischen Jassverständnis: Am Ende gewinnt nicht zwingend, wer am besten gespielt hat, sondern wer dem Ziel am nächsten kommt.

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