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Quo vadis? Die Spielkartensammlung des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen

27.02.2026Rosen König

Dieser spannende Artikel über die umfassende Spielesammlung des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen wurde uns von Cartophilia Schweiz, der Schweizer Vereinigung der Spielkarten-Freunde, -Sammler, -Forscher, -Hersteller und anderer -Liebhaber, zur Verfügung gestellt. Autor dieses spannenden Einblicks ist Daniel Grütter. Er ist Kurator Kulturgeschichte im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen.

Das in der Altstadt von Schaffhausen gelegene Museum zu Allerheiligen – zwischen 1921 und 1938 in der Anlage des ehemaligen Benediktinerklosters Allerheiligen eingerichtet – gehört zu den flächenmässig grössten Museen der Schweiz. Als Universalmuseum vereinigt es die Wissenschaftsdisziplinen Archäologie, Geschichte, Kunst sowie Naturkunde unter einem Dach.

Im Jahr 1988 erhielt das Museum eine bedeutende Schenkung von Spielkarten: Annelis Steinmann-Müller (1920–2008), Tochter des Spielkartenfabrikanten Heinrich J. Müller, übergab der Stadt Schaffhausen die ursprünglich von der einheimischen Spielkartenfabrik AGM AGMüller in Neuhausen am Rheinfall zusammengetragene und dort aufbewahrte Kartensammlung.

Zwar besass das Museum selbst bereits eine kleine, beachtliche Sammlung mit Karten vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert, doch verdeutlichte die umfangreiche Schenkung auf eindrückliche Weise, dass im Raum Schaffhausen seit etwa 1760 ununterbrochen Spielkarten hergestellt wurden, eine für die schweizerische Kartenfabrikation einmalige Zeitspanne.

In der Folge konnten dank namhafter Schenkungen sowie dem Erwerb in- und ausländischer Privatsammlungen die Bestände kontinuierlich erweitert werden. So kamen etwa die Sammlungen von Eduard Salzmann (1997) und Kurt Scheffmacher (1999) hinzu. 1999 gelang es den Museumverantwortlichen, anlässlich des Verkaufs der AGM AGMüller an den Spielkartenkonzern Cartamundi, grosse Teile des Firmenarchivs vor dem Untergang zu bewahren. Die Archivalien gelten heute als einzigartiger Bestand von nationaler Bedeutung.

Bis 2002 wurden die Spielkarten durch den ehrenamtlichen Mitarbeiter Max Ruh betreut (1938–2013).

Abb. 1) IPS-Convention 2004 in Schaffhausen, Vernissage der Ausstellung «Tarot» im Museum zu Allerheiligen, Pedro Seiler, Max Ruh, Thierry Depaulis (v.l.n.r), Foto: © Museum zu Allerheiligen
Abb. 1) IPS-Convention 2004 in Schaffhausen, Vernissage der Ausstellung «Tarot» im Museum zu Allerheiligen, Pedro Seiler, Max Ruh, Thierry Depaulis (v.l.n.r), Foto: © Museum zu Allerheiligen

Heute ist es vor allem die 1987 gegründete Sturzenegger-Stiftung Schaffhausen, welche sich gemeinsam mit Daniel Grütter, Kurator der Kulturhistorischen Abteilung des Museums, sukzessive um die Erweiterung und Aufarbeitung der Sammlung bemüht.

Mittlerweile besitzt das Museum zu Allerheiligen mit über 18’000 Kartenspielen aus der Zeit ab 1500 sowie einer Spezialbibliothek von über 300 Titeln die bedeutendste Spielkartensammlung der Schweiz. Neben Einzelkarten, unvollständigen Spielen und Druckbogenfragmenten der Zeit bis 1700 besticht die Sammlung vor allem durch Qualität und Quantität kompletter Spiele ab 1700 aus allen Teilen der Welt. Schwerpunkte bilden Kartenspiele mit deutschem, schweizerdeutschem, italienischem und französischem Bild des 16. bis 20 Jahrhunderts, Tarock- und Tarotkarten, Künstlerkarten sowie Quartette. Äusserst reichhaltig sind die Bestände an Druckstöcken, Druckbögen und Karten aus der Produktion der einheimischen AGM AGMüller.

Angesichts der Fülle dieser Materialien stellt sich für die Sammlungsverantwortlichen die Frage, wie dieser kulturhistorische Schatz sinnvoll erschlossen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Wie könnte in Zukunft eine adäquate museale Vermittlung des Kulturgutes «Spielkarte» aussehen?

Die Grundlage jeder zukunftsweisenden Beschäftigung mit Kulturgütern bildet deren wissenschaftliche Erschliessung. Seit 2013 befindet sich die Spielkartensammlung im neu errichteten Schaudepot des Museums. Ein speziell für Grafiken konzipierter Raum bietet ideale Möglichkeiten für eine konservatorisch fachgerechte Lagerung sowie funktionale Arbeitsplätze für deren Bearbeitung.

Abb. 2) Ansicht des Depots der Spielkartensammlung, Foto: © Daniel Grütter
Abb. 2) Ansicht des Depots der Spielkartensammlung, Foto: © Daniel Grütter

Dienten den Sammlern früher analoge Hilfsmittel zur Erschliessung ihrer Bestände, geschieht dies heute mittels digitaler Technologien. Das Museum zu Allerheiligen verwendet hierfür die Datenbank MuseumPlus. Dank der zentralen Inventarisierung konnten bis heute rund 6’000 Kartenspiele nach einheitlichen Kriterien erfasst werden.

Abb. 3) Screenshot der Datenbank MuseumPlus, Foto: © Daniel Grütter
Abb. 3) Screenshot der Datenbank MuseumPlus, Foto: © Daniel Grütter

Die unbestrittenen Hauptdarsteller dieser Museumssammlung sind und bleiben die Spielkarten. Unter ihnen werden die von privaten Sammlerpersönlichkeiten zusammengetragenen Bestände als in sich geschlossene Konvolute behandelt. Ihre Zusammensetzung ist den Vorlieben der verschiedenen Sammlercharaktere geschuldet. Neben den bereits erwähnten Privatkollektionen seien exemplarisch drei weitere vorgestellt.

1999 konnte die Sturzenegger-Stiftung, die schweizerische Privatsammlung von Heinrich Kümpel-Amsler (1910–2006) für das Museum erwerben. [Max Ruh, Spielkartensammlung Heinrich Kümpel-Amsler, in: Sturzenegger-Stiftung (Hrsg.): Die Erwerbungen 1997-2001, Schaffhausen 2003, S. 229–235]. Die in über 60 Jahren zusammengetragenen Spiele beinhalten Karten vom Ende des 15. bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Gestaltung musste für Kümpel-Amsler hohen künstlerischen Ansprüchen genügen und mit Hilfe mindestens einer manuellen Technik ausgeführt worden sein (Holzschnitt, Radierung, koloriert oder monochrom, Kupferstich, Lithographie). Karten, welche in allen Teilen fabrikmässig produziert worden waren, fanden keine Berücksichtigung.

Abb. 4) Johann Georg Steiger (1800–1855) Nationalitäten-Tarock, Wien 1839, Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S367
Abb. 4) Johann Georg Steiger (1800–1855) Nationalitäten-Tarock, Wien 1839, Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S367
Abb. 5) Johann Georg Pichler, Tierfabel-Tarock, Linz 2. Hälfte 18. Jh., Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S389.
Abb. 5) Johann Georg Pichler, Tierfabel-Tarock, Linz 2. Hälfte 18. Jh., Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S389.

Erwähnenswert sind die Spiele, welche seine Ehefrau Gertrud Kümpel-Amsler (1913–2008) der Museumssammlung beigesteuert hat. Inspiriert durch die Kollektion ihres Mannes und der Freude daran, schuf die ausgebildete Grafikerin 16 neue Kartenspiele in verschiedenen Techniken.

Abb. 6) Gertrud Kümpel-Amsler (1913–2008), Tarock, Zürich 1982, Foto: Daniel Grütter, © Museum zu Allerheiligen, ohne Inv.
Abb. 6) Gertrud Kümpel-Amsler (1913–2008), Tarock, Zürich 1982, Foto: Daniel Grütter, © Museum zu Allerheiligen, ohne Inv.

2008 konnten rund 4000 Spielkarten des Genfer Sammlers Gaston Bevilacqua (1924–2008) akquiriert werden. [Max Ruh, Spielkarten-Sammlung Gaston Bevilacqua, in: Sturzenegger-Stiftung (Hrsg.): Jahresbericht Erwerbungen 2008, Schaffhausen 2009, S. 147–161]. Den grössten Anteil in seiner Sammlung stellen Karten aus dem 20. Jahrhundert, die ältesten lassen sich ins letzte Viertel des 17. Jahrhunderts datieren. Von besonderem Interesse waren für Bevilacqua die im ersten Viertel des 20. Jahrhundert europaweit verbreiteten Luxusspielkarten. Als von herausragender Qualität galten die Chromolithografie-Karten der Spielkartenfabrik Dondorf in Frankfurt am Main, die mehrheitlich im aufwendigen 16-Farbendruck hergestellt wurden. Die Sammlung enthält nahezu alle erschienen Ausgaben.

Abb. 7) Franz Bernhard Schaer (1734–1800), Tarot de Marseille, Mümsliwil 2. Hälfte 18. Jahrhundert, ehemals Sammlung Bevilacqua, Foto: © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S3679.
Abb. 7) Franz Bernhard Schaer (1734–1800), Tarot de Marseille, Mümsliwil 2. Hälfte 18. Jahrhundert, ehemals Sammlung Bevilacqua, Foto: © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S3679.

Als letzter grosser Neueingang konnte 2020 die über 700 Exemplare zählende Spielkartensammlung des Schweizer Grafikers Léon Schnyder (1935–2017) übernommen werden. [Daniel Grütter, Spielkartensammlung Léon Schnyder, in: Sturzenegger-Stiftung (Hrsg.): Jahresbericht Erwerbungen 2019/2020, Schaffhausen 2021, S. 202–229]. Ab 1986 hatte er selbst insgesamt 7 Kartenspiele entworfen sowie grafisch hervorragend gestaltete Spiele zusammengetragen.

Abb. 8) Léon Schnyder (1935–2017), Knastjass, 1998, Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S7003.
Abb. 8) Léon Schnyder (1935–2017), Knastjass, 1998, Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S7003.

Neben Kartenspielen finden sich in der Museumssammlung auch Druckstöcke, Kartenpressen und verzierte Behältnisse zur Aufbewahrung des Spielgeräts. Das gesellige Beisammensein förderte schon früh die Herausbildung von repräsentativen und formschönen Spielutensilien. 2018 konnte so ein besonders eindrückliches Relikt höfischer Spielkultur des 18. Jahrhunderts erworben werden. [Daniel Grütter, Porzellan-Dose mit Spieljetons, in: Sturzenegger-Stiftung (Hrsg.): Jahresbericht Erwerbungen 2017/2018, Schaffhausen 2019, S. 200–203].

Die mit Spielkarten aus der Produktion des Lyoner Kartenmachers Claude Valentine (1616–1684) bemalte Dose aus Meissener Porzellan diente der Aufbewahrung von Jetons. Die Spielmarken, jeweils 24 Jetons pro Kartensymbol, kamen beim Kartenspiel L’hombre zum Einsatz.

Abb. 9) Porzellandose mit Spieljetons, Meissen, um 1760, Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. 60195.
Abb. 9) Porzellandose mit Spieljetons, Meissen, um 1760, Foto: Jürg Fausch, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. 60195.

Unter den zahlreichen von Künstlern entworfenen Karten aus der Produktionszeit der AGM AGMüller bestechen unter anderem die Vorzeichnungen des Grafikers und Illustrators Melchior Annen (1868–1954).

Abb. 10) Melchior Annen (1868–1954), Vorzeichnungen für das Kartenspiel «Rococo», undatiert, Foto: Daniel Grütter, © Museum zu Allerheiligen, ohne Inv.
Abb. 10) Melchior Annen (1868–1954), Vorzeichnungen für das Kartenspiel «Rococo», undatiert, Foto: Daniel Grütter, © Museum zu Allerheiligen, ohne Inv.

Etwas älter, allerdings nicht für die Schaffhauser Spielkartenfirma geschaffen, sind die von Félix Vallotton (1865-1925) 1898 gemalten Entwürfe, 2023 von der Sturzenegger-Stiftung erworben. [Marina Ducrey, Félix Vallotton 1865–1925, Catalogue de l’oeuvre peint, Mailand, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Fondation Félix Vallotton, Editions 5 Continents, 2005, Bd. III, S. 888/89, Nr. XIII].

Abb. 11) Félix Vallotton (1865–1925), 12 Spielkartenentwürfe, 1898, Foto: Daniel Grütter, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S8001.
Abb. 11) Félix Vallotton (1865–1925), 12 Spielkartenentwürfe, 1898, Foto: Daniel Grütter, © Museum zu Allerheiligen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Inv. S8001.

Die 12 Spielkarten dokumentieren das Interesse und die Fähigkeiten Vallottons im Bereich der angewandten Künste. Sowohl die Kompositionen als auch die Charakterisierung der Figuren zeugen von Witz und Scharfsinn. Das Spiel mit den Karten – sei es Poker oder Solitäre – scheint ihn zeitlebens beschäftigt zu haben. Auf zahlreichen seiner Gemälde und Druckgrafiken findet sich das Motiv der Spielkarte, eine spannende Brücke zu den Werken in der Kunstabteilung des Museums zu Allerheiligen.

Die Entwürfe Vallottons stehen exemplarisch für das Bemühen des Museums, gesellschaftliche Themen abteilungsübergreifend und somit interdisziplinär aufzugreifen. Um die Sammlungsbestände einer breiten Öffentlichkeit adäquat vermitteln zu können, setzen die Verantwortlichen weiterhin auf Publikationen und Sonderausstellungen, bestärkt durch den Erfolg der Präsentationen «Tarock – Tarot. Kartenspiel und Weissagung» (2004), «Vom Teufelszeug zum Nationalvergnügen. Schaffhauser Spielkarten» (2013) und «Lust auf ein Spiel? Geschichten rund ums Kartenspiel» (2016). Letztere Ausstellung entführte auf einer Fläche von rund 600 m² in die bunte Welt der Spielkarten. Inhaltlich spannte sich der Bogen vom Auftauchen der ersten Karten im 15. Jahrhundert bis zur Populärkultur des 21. Jahrhunderts. Neben Spielkarten waren eindrückliche Schriftdokumente, Spieltische, Gemälde aber auch Film- und Tondokumente rund ums Kartenspiel zu bewundern. Durch die Ausstellung zogen sich Spielbereiche, in denen sich die Besucher aktiv im Kartenspielen versuchen durften. Zudem bestand die Möglichkeit, sich im Bauen von Kartenhäusern zu messen.

Es ist das Bestreben des Museums zu Allerheiligen, seine Sammlungsbestände auch weiterhin zu bewahren, zu erschliessen, zu erweitern und für Forschung sowie einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Das Bewusstsein für die kulturhistorische Bedeutung des Mediums «Spielkarte» als fester Bestandteil unserer Alltagskultur soll gestärkt werden.

Autor: Daniel Grütter, Kurator Kulturgeschichte, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen

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