Die Jassgrenze der Schweiz: Historische Linie und aktuelle Daten auf jassgrenze.ch

Das Schweizer Jassverzeichnis hat die historische Brünig-Napf-Reuss-Linie neu analysiert und die heutige Verbreitung von Deutschschweizer und Französische Jasskarten systematisch erfasst. Auf jassgrenze.ch stellen wir die Ergebnisse auf Gemeinde- und Kantonsebene öffentlich bereit und ermöglichen so einen direkten Vergleich zwischen historischen Linien und aktuellen Daten.
Mit welchen Karten wird gejasst?
Mit welchen Karten wird gejasst? Das ist eine Frage, die je nach Region in der Schweiz unterschiedlich beantwortet wird. In der Schweiz sind Jasskarten mit unterschiedlichen Symbolen und Motiven verbreitet: Einerseits gibt es die Deutschschweizer Jasskarten sowie die französischen Jasskarten. Die Deutschschweizer Jasskarten bestehen aus den Farben Schellen, Schilten, Eichlen und Rosen. Die französischen Jasskarten bestehen aus den Farben Herz, Schaufel, Ecken und Kreuz.


Die Deutschschweizer Jasskarten werden in der Schweiz oft auch als «deutsche» Jasskarten bezeichnet. Exakt genommen ist diese Bezeichnung jedoch falsch: In Deutschland und Österreich wird nämlich mit deutschen Karten gespielt, welche die Farben Schelle, Eichle, Herz und Blatt haben. In diesem Blog verwenden wir «deutsche Jasskarten» jedoch als Synonym für Deutschschweizer Jasskarten und beziehen uns ausschliesslich auf die Schweiz.
Die Frage «mit welchen Karten wird gejasst?» darf zudem auch nicht verwechselt werden mit «mit welchen Karten wird gespielt?». Denn es gibt in der Schweiz inzwischen auch viele andere Kartenspiele mit anderen Symbolen und Motiven. Wir beziehen uns in diesem Artikel aber ganz bewusst auf das «Jassen». Und mit «Jassen» werden in der Regel das Spielen der Jassarten «Schieber», «Coiffeur» oder «Differenzler» verstanden. Und dies ist beispielsweise mit den Tresette-Karten, welche im Kanton Tessin verbreitet sind, gar nicht möglich. Auch Troccas-Karten oder Pokerkarten werden heute nicht für das «jassen» eingesetzt. Wir beziehen uns also in diesem Bericht auf die Verbreitung und Verteilung der «deutschschweizer Jasskarten» sowie die «französischen Jasskarten».
Die Frage «Mit welchen Karten wird gejasst?» darf zudem nicht mit «Mit welchen Karten wird gespielt?» verwechselt werden. Denn es gibt in der Schweiz inzwischen auch viele andere Kartenspiele mit unterschiedlichen Symbolen und Motiven. Wir beziehen uns in diesem Artikel aber ganz bewusst auf das «Jassen». Und mit «Jassen» werden in der Regel das Spielen der Jassarten «Schieber», «Coiffeur» oder «Differenzler» verstanden. Und dies ist beispielsweise mit den Tresette-Karten, welche im Kanton Tessin verbreitet sind, gar nicht möglich. Auch Troccas-Karten oder Pokerkarten werden nicht für das «jassen» eingesetzt. Wir beziehen uns in diesem Bericht daher auf die Verbreitung und Verwendung der Deutschschweizer Jasskarten sowie der französischen Jasskarten.
Entstehung der Jassgrenze
Bevor wir die Jassgrenze analysieren, gilt es zunächst zu verstehen, warum überhaupt nicht mit einem einheitlichen, sondern mit zwei unterschiedlichen Arten von Jasskarten in der Schweiz gejasst wird. Dazu gibt es zwar keine eindeutige Begründung, jedoch einige Erklärungsversuche. So weiss man, dass in der Innerschweiz bereits vor 500 Jahren mit deutschschweizer Jasskarten gespielt wurde, etwa beim Kartenspiel «Kaisern». Es war damals ein beliebtes Kartenspiel und wird heute auch in Nidwalden gespielt. Im Nidwaldener Archiv wurden 2011 über 500 Jahre alte Kaisern-Karten entdeckt.
Die französischen Symbole sind gemäss dem Schweizer Sprachwissenschaftler Walter Haas die jüngsten Jasskartensymbole und «zweckmässiger, da sie abstrakte Symbole anstatt Abbildungen von Gegenständen enthalten». Da diese Karten nur zwei Farben verwenden, war dies in früherer Zeit für den Druck von Vorteil. Schliesslich führte Frankreich im 18. Jahrhundert eine Spielkartensteuer ein, woraufhin einige Produzenten in die Schweiz auswanderten. Dies führte dazu, dass sich die französischen Kartenbilder in der Westschweiz verbreiteten.
Ebenfalls dürfte die Entstehung der Jassgrenze auf eine Zeit vor rund 1000 Jahren zurückgehen und mit der Teilung zwischen dem westlichen Königreich Burgund und dem östlichen Herzogtum Schwaben zusammenhängen.
Bisherige Definition der Jassgrenze (nach Richard Weiss)

Die erste systematische Untersuchung der Jassgrenze geht auf den Volkskundler Richard Weiss zurück, der 1946 in seiner berühmten Antrittsvorlesung die Brünig-Napf-Reuss-Linie als Kulturgrenze identifizierte. Grundlage dafür waren umfangreiche Erhebungen im Rahmen des «Atlas der schweizerischen Volkskunde» (1937–1942), bei dem rund 1200 Personen in etwa 400 Gemeinden zu Alltagsbräuchen befragt wurden.
Weiss beobachtete, dass sich nicht nur Dialekte oder religiöse Traditionen unterscheiden, sondern auch kleinste Alltagspraktiken, wie etwa die Art der verwendeten Jasskarten. Er interpretierte die Kartenverbreitung als Teil einer «Ost-West-Kulturgrenze», die unabhängig von den Sprachgrenzen verläuft.
Obwohl gemäss Brigit Huber vom Schweizer Nationalmuseum die Arbeit von Weiss später unterschiedlich interpretiert wurde und einige von einem «Mythos von Weiss» sprechen, hat sie hinsichtlich der Jassgrenze heute als Grundlage gehalten. Auch gängige Jassreglemente orientieren sich auf die damalige Definition von Weiss und verweisen auf diese Jassgrenze.
Bereiche der bisherigen Jassgrenze
Laut Weiss orientiert sich die Jassgrenze an folgenden Gebieten bzw. Grenzverläufen: der Brünig-Napf-Reuss-Linie, einer Exklave im Thurgauer Gebiet sowie dem Kanton Graubünden. Im Folgenden werden diese drei Gebiete kurz beschrieben.
Brünig-Napf-Reuss-Linie
Gemäss Weiss zeigt die Verbreitung französischer und deutscher Spielkarten den Einfluss des früheren Berner Machtgebiets auf den Kulturraum der Westschweiz. Französische Spielkarten reichen bis zur ehemaligen Berner Ostgrenze im Aargau, da sie aufgrund staatlicher Besteuerung und Regulierung verbreitet wurden. Auch Bern und Basel wechselten zum französischen Kartensystem.
Die Brünig-Napf-Reuss-Linie verläuft in der Schweiz von Süd nach Nord: Sie beginnt am Brünigpass (Bern/Obwalden), zieht über den Napf (zwischen Luzern und Bern) und folgt weiter der Reuss durch die Zentralschweiz. Im Aargau orientiert sich die Linie hauptsächlich an der Reuss: westlich der Reuss wird mit französischen Jasskarten gespielt, östlich mit deutschschweizer Jasskarten.
Exklave im Thurgau
Weiss berichtete damals, dass in einem Gebiet des protestantischen Thurgaus, geprägt vom Einfluss französischer Karten aus dem Bodenseeraum, nach wie vor französische Jasskarten gespielt werden. Dieses Gebiet bildet eine «Insel» in der Jass-Landschaft: Rundherum im übrigen Schweizer Gebiet werden Deutschschweizer Karten verwendet. Neben dem Bodenseeeinfluss könnte ein weiterer Grund für die Nutzung französischer Karten die Ehrung des französischen Kaisers Napoleon III. sein, der im Arenenberg (TG) einen Wohnsitz hatte. Gegenüber der Thurgauer Zeitung erklärte Daniel Grütter, Kurator des Museums zu Allerheiligen, dass «niemand genau weiss, wie es zu dieser Grenze im Thurgau gekommen ist».
Graubünden
Richard Weiss erwähnt als regionale Besonderheiten auch etwa die Abgrenzung Graubündens von der übrigen Ostschweiz und ordnet den Kanton Graubünden den französischen Jasskarten zu.
Heutige Jassgrenze: Datenbasis und Methodik
Für die Analyse der heutigen Jassgrenze nutzen wir unseren umfangreichen Datenbestand vom Schweizer Jassverzeichnis. Dieser umfasst Quellen von 2013 bis zum Datenexport im März 2026. Grundlage bilden alle publizierten Jassturniere in der Schweiz und in Liechtenstein, wobei wir Veranstaltungen wie Jassferien, Jassreisen oder Jassfahrten ausschliessen, um sicherzustellen, dass nur ortsansässige Spielerinnen und Spieler erfasst werden.
Ergänzend werten wir Bestellungen von unserem Jass-Shop aus – allerdings nur solche, bei denen explizit Produkte ausgewählt wurden, die einer der beiden Jasskartentypen (Deutsch oder Französisch) zugeordnet werden können. Auch hier berücksichtigen wir ausschliesslich Lieferadressen innerhalb der Schweiz oder Liechtenstein. Weitere Daten stammen aus unseren eigenen vergangenen Umfragen, welche aber weniger als 1 % der Quellen ausmachen.
Um eine klare geografische Zuordnung zu gewährleisten, verwenden wir nur Daten, die eindeutig einer Postleitzahl oder einem Ort zugeordnet werden können. Die Zuordnung zu den Gemeinden erfolgt mithilfe des amtlichen Ortschaftsverzeichnisses des Bundesamts für Statistik (BFS). Liegen Quellen für Orte vor, die mehrere Gemeinden umfassen, verteilen wir die Daten proportional auf die entsprechenden Gemeinden.
Heutige Jassgrenze: Veränderung seit 1940
Die Daten der heutigen Jassgrenze haben wir auf jassgrenze.ch veröffentlicht, sodass sie öffentlich einsehbar sind. Anhand der aktuellen Daten lassen sich interessante Beobachtungen machen.



Vergleicht man die heutige Jassgrenze mit der Napf-Brünig-Linie von Weiss, zeigt sich, dass die Grenze auch rund 80 Jahre später noch weitgehend ihre Berechtigung hat. Sie bleibt eine wichtige Orientierung für die grobe Einordnung, welche Karten in welchen Regionen gespielt werden. Gleichzeitig sind die Grenzen heute etwas breitflächiger, und einzelne Ortschaften können von der historischen Zuordnung abweichen. So spielt beispielsweise die Luzerner Gemeinde Reiden heute überwiegend mit französischen Karten, während in der Aargauer Gemeinde Lupfig laut unseren Quellen vor allem deutsche Jasskarten verwendet werden. Dennoch ist es erstaunlich, dass sich diese Grenze im Kanton Aargau aufgrund der heutigen Mobilität so gut erhalten hat und es keine grösseren Verschiebungen gegeben hat.
Die Thurgauer Jassgrenze hingegen ist heute weniger eindeutig und stärker deutsch geprägt als in der Vergangenheit. Das erscheint nachvollziehbar, da die Mobilität innerhalb benachbarter Gemeinden desselben Kantons hoch ist und eine Exklave sich daher über die Jahre nur schwer stabil halten kann.
Auffälliger sind Verschiebungen im Kanton Tessin, der aktuell vorwiegend deutsch geprägt ist. Hier wird insgesamt jedoch etwas weniger gejasst, da auch andere Kartenspiele wie Tresette verbreitet sind. Im Kanton Graubünden spielen rund 64 % der Spielerinnen und Spieler französische Karten, was deutlich weniger dominant ist als in anderen französisch geprägten Gebieten wie Bern (90 %). Diese Entwicklung hängt vermutlich auch mit dem Einfluss von Touristen aus der Deutschschweiz zusammen, die dort vermehrt deutschschweizer Jasskarten einführen.
Der Kanton Aargau bleibt weiterhin gespalten: 44 % der Spieler verwenden deutsche Karten, 56 % französische. Auffällig ist zudem, dass auf Kantonsebene die dominanten Karten sehr deutlich ausgeprägt sind: Uri 99 % deutsch, Luzern und Obwalden 95 % deutsch, Zürich 91 % deutsch, Bern 90 % französisch und Wallis 90 % französisch – obwohl einige dieser Kantone eine direkte Nachbarschaft zu Kantonen mit anderen dominanten Jasskarten haben.
Auf jassgrenze.ch kann auch eine einzelne Gemeinde aufgerufen werden. Bei der Betrachtung einzelner Gemeinden ist jedoch zu beachten, dass die Aussagekraft von der Anzahl der Quellen abhängt. Liegt nur eine Quelle vor, kann es Zufall sein, ob deutsche oder französische Karten gespielt werden. Meldungen aus der Bevölkerung sind daher willkommen, um unsere Daten weiter zu verifizieren.
Der emeritierte Professor Walter Haas hat in seinem Buch über die populären Spielkarten der Schweiz bereits angedeutet, dass sich die Grenzen der Jasskarten verschieben können, und «die Geltungsbereiche müssen nicht ewig unverändert bleiben». Unsere aktuellen Daten auf jassgrenze.ch zeigen, dass sich die Grenzen tatsächlich langsam verschieben. Bisher jedoch eher zugunsten der Deutschschweizer Jasskarten. Dies ist überraschend, da Haas darauf hinweist, dass «in unserer Gegenwart diese Gebietsstabilität ins Wanken kommen könnte. Die französischen Farbzeichen könnten ihrer Internationalität wegen und infolge der Mobilität der Bevölkerung allmählich auch für die traditionellen Spiele grössere Verbreitung finden.»
Über jassgrenze.ch
Auf jassgrenze.ch bieten wir eine detaillierte Übersicht der dominanten Jasskarten je Gemeinde. Es lässt sich die Gemeinde abfragen und ob sie der Deutschschweizer oder Französischen Jasskarten zugeordnet ist. Für jede Gemeinde lassen sich die Anzahl Quellen einsehen, sodass nachvollzogen werden kann, wie viele Meldungen und Turnierdaten für die jeweilige Zuordnung vorliegen.
Unter der Rubrik «Analyse» wird die Kartenverbreitung auf Basis der aktuellen Daten visualisiert: Sowohl im Vergleich zur historischen Grenze sowie in verschiedenen Darstellungen nach Gemeinde und Kanton.
Zudem ermöglichen wir es Nutzerinnen und Nutzern, eigene Meldungen und Beobachtungen zur Jassgrenze einzureichen. Diese werden nach einer Bestätigung der Quelle in die Auswertung aufgenommen. Dabei dokumentieren wir klar die Herkunft der Daten – sei es Jassturniere, Bestellungen oder Benutzerhinweise – um auch zukünftige Entwicklungen der Jassgrenze nachvollziehen zu können.
Das Ziel von jassgrenze.ch ist es, die Entwicklung der Jassgrenzen langfristig zu dokumentieren und neue Quellen systematisch mit bestehenden Meldungen abzugleichen. Machen auch Sie mit und tragen Sie dazu bei, die Schweizer Jasslandschaft noch besser zu verstehen!
Autor
Quellen
Haas, Walter (2023). Die populären Spielkarten der Schweiz.
Huber, Brigit (2023). Die Entdeckung der Brünig-Napf-Reuss-Linie. Blog des Schweizerischen Nationalmuseums. https://blog.nationalmuseum.ch/2023/10/die-entdeckung-der-bruenig-napf-reuss-linie/
Muff, Armin (2026). jassgrenze.ch
Schweizer Jassverzeichnis. (2013–2026). jassverzeichnis.ch
Ruh, Max (2005) Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik – Schaffhauser Spielkarten.
Thurgauer Zeitung. (2014, Oktober). Der Kartengraben der Jasser. https://www.thurgauerzeitung.ch/ostschweiz/frauenfeld/der-kartengraben-der-jasser-ld.960452
Weiss, Richard (1946). Die Brünig-Napf-Reuss-Linie als Kulturgrenze zwischen Ost- und Westschweiz auf volkskundlichen Karten. Schweizerisches Archiv für Volkskunde
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