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Wenn Inklusion am Jass-Tisch selbstverständlich wird

Inklusions-Jassmeisterschaft für Sehende und Blinde
27.07.2026Schweizer Jassverzeichnis

Auf jassverzeichnis.ch finden Jasserinnen und Jasser die unterschiedlichsten Jassturniere in der ganzen Schweiz: Auch besondere Anlässe wie die Inklusions-Jassmeisterschaft. Der Eintrag dieses Turniers war für uns Anlass, bei Organisatorin Erika Weber nachzufragen. Sie nahm sich Zeit für unsere Fragen und erzählte die Geschichte eines Anlasses, der seit Jahrzehnten Menschen verbindet und eindrücklich zeigt, dass Inklusion am Jass-Tisch ganz selbstverständlich funktionieren kann.

Seit den 1980er-Jahren gab es in der Schweiz eine Jass- und Kegelmeisterschaft für sehbehinderte und blinde Menschen. Mehr als 30 Jahre lang fand der Anlass im Hotel Solsana in Saanen statt und gehörte für viele Teilnehmende fest zum Jahresprogramm. In Spitzenzeiten nahmen 60 bis 70 Personen teil.

Mit den Jahren ging das Interesse jedoch zurück. Als das Hotel 2017 verkauft wurde und das damalige Organisationskomitee aufhörte, stand die Zukunft der Veranstaltung auf dem Spiel.

Erika Weber wollte das nicht akzeptieren. Gemeinsam mit zwei weiteren Personen gründete sie ein neues OK. Allerdings mit einer klaren Bedingung: Das Turnier sollte künftig allen offenstehen. Sehende, sehbehinderte und blinde Jasserinnen und Jasser sollten gemeinsam am selben Wettbewerb teilnehmen.

Gleiche Karten, gleiche Chancen

Dass sehende Spieler beim Jassen einen Vorteil hätten, hält Erika Weber für einen Irrtum. Die blinde Bernerin spielt seit Jahren regelmässig an öffentlichen Turnieren im Raum Bern, Freiburg und Solothurn – und das mit grossem Erfolg. Mehrfach gewann sie etablierte Turniere oder belegte Spitzenplätze. Für sie ist klar: Entscheidend sind gute Karten, ein guter Partner und Konzentration. Und nicht das Sehvermögen.

Am Tisch funktioniert das Zusammenspiel unkompliziert. Sitzt eine blinde Person mit, nennt jede Spielerin und jeder Spieler die ausgespielte Karte laut. Was zunächst ungewohnt erscheint, wird schnell zur Routine. Viele Teilnehmende berichten sogar, dass sie dadurch aufmerksamer spielen.

Mehr als ein Jassturnier

Heute findet der Anlass als reine Jassmeisterschaft im Hotel Olten statt. Das frühere Kegelturnier wurde vor einigen Jahren eingestellt, weil das Interesse stetig zurückging.

Geblieben ist jedoch die besondere Atmosphäre. Gespielt wird bewusst an zwei Tagen. Nach den ersten Passen am Samstag treffen sich die Teilnehmenden zum gemeinsamen Abendessen, viele übernachten im Hotel. Am Sonntag folgen die Schlussrunden, ein Apéro, die Rangverkündigung und ein gemeinsames Mittagessen.

Der sportliche Wettbewerb steht zwar im Mittelpunkt, genauso wichtig sind aber die Begegnungen. Menschen aus verschiedenen Regionen der Schweiz verbringen ein Wochenende miteinander, lernen sich kennen und tauschen Erfahrungen aus – ganz selbstverständlich und ohne Berührungsängste.

Fairness statt Perfektion

Auf dem Flyer der Veranstaltung steht der Satz: «Im Mittelpunkt stehen Fairness und Freude.»

Diese Haltung prägt den gesamten Anlass. Natürlich gelten die Jassregeln, doch Verständnis füreinander gehört genauso dazu. Fehler passieren – sehenden wie blinden Spielerinnen und Spielern. Gerade deshalb entsteht eine entspannte Turnieratmosphäre, die sich von vielen klassischen Wettkämpfen unterscheidet.

Gespielt wird mit speziellen Jasskarten, die neben vergrösserten Symbolen auch Brailleschrift tragen. Hochwertige Karten dieser Art sind allerdings kaum erhältlich. Erika Weber beschriftet ihre privaten PVC-Karten deshalb teilweise selbst und hofft, dass sich künftig Unterstützung für die Produktion langlebiger barrierefreier Jasskarten findet.

Noch Platz für viele weitere Teilnehmende

Die Inklusions-Jassmeisterschaft zählt heute meist rund 40 Teilnehmende – ungefähr je zur Hälfte sehende sowie sehbehinderte oder blinde Jasserinnen und Jasser. Das Hotel bietet jedoch deutlich mehr Platz.

Finanziell wird der Anlass unter anderem von der Reinold-Hefti-Stiftung und dem Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband unterstützt. Zusätzliche Sponsoren und Preisstifter sind jederzeit willkommen.

Wer einmal ein Jassturnier erleben möchte, bei dem Begegnung, Fairness und Gemeinschaft genauso wichtig sind wie das Resultat, findet hier eine besondere Veranstaltung. Sie zeigt eindrücklich, dass Inklusion manchmal ganz einfach sein kann, wenn alle am gleichen Tisch Platz nehmen.

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